Leipzig! Eilt!

homunculus – klein, aber mit vielen Ideen. spricht das Börsenblatt (Heft 42, 182. Jg.). Jawohl! sagen wir und wollen niemanden darum bringen, sich selbst davon zu überzeugen. Man wird uns ab morgen (17.03) deshalb zum ersten Mal mit fünf brandneuen Büchern auf der Leipziger Buchmesse besuchen können. Daher: Eilt! zu Stand G116 in Halle 5 (direkt an der Leseinsel junge Verlage). Viele bedeutende Fragen werden dort eine Antwort finden, wie z.B. Muss es immer Papier sein – kann man Literatur nicht auch auf Stoff drucken? und Wo sind die vielversprechenden Debütanten?

Besucht uns viel und gerne – am Stand, bei den Veranstaltungen auf der Leseinsel und der UV-Lesung der unabhängigen Verlage. Man höre hier und dort Philip Krömer, Tobias Roth und Julius David Walther.

Lektoreninterview:
Joseph Reinthaler mit Tobias Roth &
Julius David Walther

Im Frühsommer 2016 erscheint im homunculus verlag die Bayerische Biergartenordnung von Tobias Roth (Bayerischer Kunstförderpreis 2015) und Julius David Walther. Bis einschließlich 15. April 2016 kann für dieses auf 1516 Stück limitierte Spezial-Lesemedium im Tischdeckenformat für Biergarnituren subskribiert werden. Ein brilliantes Stück Literatur und eine ebenso brilliante Auseinandersetzung mit dem Kulturgut Biergarten!

Hierzu im Gespräch: Der Lektor Joseph Reinthaler (JR) mit den Autoren Tobias Roth (TR) und Julius David Walther (JDW):

 

JR Wer bekommt aufgrund seiner/ihrer herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der bayerischen Kulturpflege und/oder bajuwarischen Grantigkeit eine Bayerischen Biergartenordnung (kurz: BBgO) von euch geschenkt?

JDW Darüber hatten wir vor Fertigstellung des Textes bereits schon einmal gesprochen. Mein Vorschlag ist es, dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof aufgrund seines Einsatzes für den Erhalt der Ersten Biergartenverordnung ein Exemplar – im Rahmen einer feierlichen Zeremonie selbstverständlich – zu überreichen.

TR Ganz genau. Zunächst müssten die mittelbar verantwortlichen Wirte und Politiker, nebst Amtsnachfolger, eine bekommen, und ohne Zweifel auch Ulrike Draesner und Gerhard Polt. Und das Münchner Lyrikkabinett, die Stipendiatenwohnung in Pfaffenhofen, der Armin Steigenberger sowieso, die Restaurationswerkstätten der Antikensammlung brauchen mehrere, da fallen mir sofort recht viele Leute ein – zum Glück. Und natürlich der Ratzinger. Diese Chance ist historisch sogar noch bedeutender als das Jubiläum des Reinheitsgebots. Man stelle sich diese Widmung vor!

JR Kein Biergarten ohne – genau: ohne Bier. Wie wichtig war dieses kerngesunde Hopfengebräu für den Entstehungsprozess der BBgO?

TR Sehr wichtig. Aber nicht entscheidend. Aber sehr wichtig.

JR Wird die BBgO in Zukunft der neue rechtlich absolut verbindliche Leitfaden für die Konfektionierung der Biergartenkultur?

TR Man kann die BBgO wahrscheinlich nicht unmittelbar als neue VO verwenden, aber die Maxime ihres Willens kann jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten.

JDW Ich hoffe es doch schwer. Noch entscheidender ist es jedoch, dass die Biergartenkultur auch in Zukunft das richtige Maß wahrt – im doppelten Sinne.

JR Ein mit dem Bayerischen Kunstförderpreis 2015 ausgestatteter Schriftsteller, ein Jurist mit besonderem Interesse für Stadtkultur und Nachhaltigkeit und ein Biergarten. Wer in dieser Trias hat wen am nötigsten?

JDW Meiner Meinung nach ist es der Biergarten. Wir sind nur das Sprachrohr für die Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich zuteilwerden sollte. Der Bayerische Biergarten ist in Gefahr…

JR Aus dem bayerischen Biergarten kennen wir vor allem das Weißbier, das Helle, das Radler und den Maßkrug mit den Glasaugen. Irgendwann hat es euch nach Berlin und Bremen verschlagen. Wird man dort zum Pilstrinker? Wenn ja: Was ist das und weshalb sind die Gläser so klein?

TR Nein und weiß ich nicht.

JDW Dazu fällt mir zunächst folgender Witz ein, den ich einmal aufgeschnappt habe: »Warum steht ein Pilz im Wald?« »Weil die Tannenzapfen!«; oder so ähnlich. Bei einem guten Pilsken kommt es zudem auf eine schöne Schaumkrone an. Ein elegantes Bier, das den ehrlichen Genießer adelt.

JR Ein Tischdecke im Biergarniturenformat und ordentlich viel Text in drei Spalten – was haben wir hier eigentlich? Eine Tischdecke? Zuallererst ein Lesemedium würde ich behaupten. Nur welches?

JDW Es ist zuallererst ein Kulturgut, das uns in Gestalt eines Buches erscheint. Aus Sicht des Biergartenbesuchers kommt auch dessen praktische Subfunktion als Stofftischdecke (in mehrfacher Hinsicht praktisch, so kann es z. B. nicht als Brennstoff missbraucht werden) zur Geltung. Ein »Buch+« sozusagen, das sich selbst zu schützen vermag und damit seine eigene Nachhaltigkeit garantiert. Genial. Weil ich zudem schon mehrfach den Satz gehört habe »Man kann, wenn man am Biertisch sitzt, den Text von einer einzigen Seite aus ja gar nicht richtig lesen!«, ist darauf hinzuweisen, dass die BBgO zugleich zur kollektiven wie interaktiven Lektüre einlädt. Das betont einmal mehr den Hauptzweck der Informationsvermittlung durch Text. Zugleich ist es eine Anleitung für ein gemütliches und soziales Beisammensein.

TR In meinen Augen ist das ganz klar ein Buch. Die BBgO ist ohne Zweifel ein Buch. Eine Papyrusrolle ist auch ein Buch, eine Tontafel, ein Faltblatt, manche Bücher stehen auf Stadtmauern, manche Bücher sind hunderte Seiten lang und nicht mal ein Megabyte groß. Das ändert ja am Buchcharakter nix. Wer aber auf dem modernen, gebundenen Papierbuch beharrt, dem sei gesagt, die BBgO ist eine Loseblattsammlung. Ein Flugblatt.

JR Eine unseriös pauschale Frage: Wie/wann/wo/warum diese Idee zur Bayerischen Biergartenordnung?

JDW Die Idee ist vor einigen Jahren – wie sollte es auch anders sein – im Rahmen eines sommerlichen Biergartenbesuchs entstanden. Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt in einem Bier-Garten in Berlin und stellten uns die Frage, warum – abgesehen von dem regnerischen Wetter – dieser Bier-Garten mit einem Biergarten aus unserer Heimat München nicht wirklich vergleichbar ist. Die Antwort fanden wir schließlich in der Begründung zur Biergartenverordnung.

TR Aber diese Verordnung wurde blitzartig zur Ordnung. Insofern hat die BBgO ganz unmittelbar die BBgO ausgelöst und hervorgebracht.

JR Ich bin über alle Maßen überzeugt – doch noch einmal für die Welt: Warum ist die BbgO unbedingt notwendig?

JDW Wie gesagt, der Bayerische Biergarten ist in Gefahr. In München kann man das bei manchen großen Anlagen bereits beobachten. Das Bier ist teuer, das Essen durchschnittlich. Es wird der Eindruck erweckt, dass der Aspekt der Massenabfertigung im Vordergrund steht. Für den Besucher soll der Biergartenbesuch zum Event werden, ähnlich der Besuch einer Großraumdiskothek. Das hat mit dem ursprünglichen Biergartenkonzept, wie es auch in der Biergartenverordnung zum Ausdruck kommt, nicht mehr allzu viel zu tun. Ähnliches gilt übrigens auch für Großteile der Wiesn respektive der weltweit pilzartig aus dem Boden gesprossenen »Oktoberfeste«. Nur dass hier nicht die Tannen, sondern meist internationale Bierkonzerne zapfen. Der Biergarten jedoch ist meines Erachtens ein Paradebeispiel für nachhaltige Städte(bau)kultur. Das setzt jedoch voraus, dass die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Bestandteile des Biergartens in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Mittlerweile überwiegt jedoch der wirtschaftliche Aspekt.

TR Auch ich würde den politischen Aspekt der BBgO unbedingt hervorheben – wenn die BBgO auch einen Weg einschlägt, den Kunstwerke, die sich ihrem Selbstverständnis nach politisch äußern wollen, selten einschlagen, nämlich den juristischen. Aber sie erfüllt auch andere nicht nur wichtige, sondern notwendige Aufgaben – die Poetisierung des Alltags, die Einladung ins Freie, die Verfeinerung des Rausches, Irrsinn und Besinnung.

JR Etwas abstrakt, aber dennoch: Welche Sprache muss man finden, um über den Bayerischen Biergarten zu schreiben? Irgendeine Besonderheit?

TR Die Antwort wird nur recht abstrakt gehen. In der Art und Weise, wie wir über Bier und Biergarten und Bayerischen Biergarten sprechen wollten, mussten wir das Register, in dem ansonsten hauptsächlich über Bier und Biergarten und Bayerischen Biergarten gesprochen wird, vermeiden – oder, wenn schon, mit offenem Visier umspielen. Bier schleppt ein ganz anderes Stilregister mit sich als Wein oder Scotch undsoweiter. In der Sprache des Bieres und Biergartens, die von Fernsehbildern und Industrie gesprochen wird, ist überhaupt keine Dynamis, kein Enthusiasmus, da ist stattdessen ein gewisses Dimpfltum, wie liebenswürdig oder grotesk oder überdreht auch immer. Da spielt natürlich der Großraumdiskoaspekt, den Julius angesprochen hat, eine große Rolle. Es ist ein ähnliches Problem wie das, sich zu Separatismus in Alpenregionen zu positionieren. Aber apropos Alpen, die linke Spalte kreist um den Biergarten als Landschaft – insofern ist die Suche nach einer Landschaftsbeschreibung ebenso wichtig. Ich würde also sagen: wir haben versucht, eine Sprache des Lobes zu finden, die eine Sprache der Kritik und der Utopie ist.

JR Julius, erkläre mir doch mal den eklatantesten Mangel in der Umsetzung der originalen Bayerischen BiergartenVERordnung vom 1. Mai 1999 (eigenhändig unterschrieben von Barbara Stamm)!

JDW Zunächst einmal ist interessant, dass der Biergarten im Verordnungstitel genannt wird, in der Verordnung selbst, d.h. in den einzelnen Paragraphen, jedoch nicht näher definiert wird. Was ein Biergarten ist bzw. sein soll, muss man sich mühsam – wenngleich sehr schön zu lesen – aus der Begründung herausklamüsern. Der Hauptkritikpunkt ist jedoch, dass die Biergartenverordnung eigentlich gar keine Biergartenverordnung ist, d.h. den Biergarten nicht unter allen maßgeblichen Gesichtspunkten bespricht, sondern nur eine Verordnung über den Immissionsschutz in Bezug auf eine nicht genehmigungsbedürftige Anlage im Sinne des Bundesimmissionsschutzgesetzes namens „Biergarten“ ist. Dadurch soll der Bayerische Biergarten zwar geschützt werden. Zugleich wird er damit aber auch marginalisiert, denn jeder denkt, in der Biergartenverordnung stehe alles über den Biergarten drin, tatsächlich steht da aber nix über ihn drin bzw. nur versteckt in der Begründung. Da der Biergarten jedoch ein hervorragendes gastronomisches wie städtebauliches – und zugleich nachhaltiges, ha! – Konstrukt darstellt, hätte er schon eine umfassendere Regelung verdient gehabt.

JR Tobias, wie ist die optimale Verteilung von Sonnenplätzen und Kastanienbeschattung in einem Musterbiergarten?

TR [führt eine komplizierte Geste aus]

Einen recht herzlichen Dank!

uneigentlich: Physik

Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.
Albert Einstein

 

Man hat den Ruf bereits vernommen: zur zweiten Ausgabe der Seitenstechen haben der homunculus verlag und ELINAS, das Erlanger Zentrum für Literatur- und Naturwissenschaft, einen Textaufruf gestartet, der mit Dunkle Energie überschrieben ist. Wer sich im sinnbildlichen literarischen Wald aufhält, in und an welchem sich das Echo bricht, der ist aufmerksam geworden. Hier führen Wege unter weit verzweigtem Geäst zusammen, die kaum ausgetreten sind. Wer an dieser Stelle zum Reisegefährten wird, der folgt einem schmalen Wildwechsel. Wo Physik und Literatur aufeinandertreffen, wird es abseitig und selten – stets vereint durch die (gleichfalls unergründbare) Energie des Uneigentlichen.

Es ist wahr: der metaphorische Reichtum der Physik ist enorm. Konsens ist der nicht zu verwechselnde Unterschied zwischen algebraischer Zeichnung und bildhaftem Begreifen, wobei durchaus das eine ohne das andere auftritt, dabei aber – im Alleingang – stets seine Schwächen offenbart. Die rhetorische Metapher muss überall dort als Modell hervortreten, wo wir dem kaum Beschreiblichen und zu Komplexen begegnen. Die Physik beschreibt Modelle des Wahrgenommenen und ist dabei viel mehr auf Vokabular als auf die Algebra angewiesen, da Begreifen über den wortverwandten Begriff funktioniert, der dem Bezeichnen ein Bruder ist – schließlich: ein Zeichen zu finden in Laut und Bild für das Modellierte, das ansonsten unbegreifbar (das ist: nicht zu ertasten) und unplastisch zurückbleibt. Eigentlichkeit (das Konkrete) und Uneigentlichkeit (die Metapher) sind Begriffe der Rhetorik und Semantik, die leider noch nicht weit genug in das Allgemeinverständnis der mathematischen Kunst vorgedrungen sind. Dabei ist wohl keine andere Disziplin zu derart ungemein wundersamen Kuriositäten befähigt, die aus eben jenem Unterschied entspringen – dabei denke man an das oft genannte Beispiel eines Bogenschützen, dessen Pfeil nie das Ziel erreicht, setze man für dessen Flug nur eine geeignete Funktion an: Der Pfeil legt in einer gewissen Zeit (x1) die Hälfte der Strecke (y1) von der Bogensehne zur Zielscheibe zurück. Es bleibt ein Rest der Strecke, wovon er wiederum zu einem Zeitpunkt (x2) die Hälfte der Strecke zurückgelegt hat (y2). Wir erkennen der Ergebnis der Funktion: Der Pfeil erreicht niemals die Zielscheibe.

Maßgeblich für den Anspruch in der Physik ist dies eine (frei nach Nietzsche): Sie muss den Schein als Schein, das Uneigentliche als Uneigentliches begreifen, um wahr zu bleiben. Die Vernichtung der Konsistenz dieser Disziplin wäre, den Schein als Tatsächlichkeit und damit als verkappte Täuschung zu verorten. Ersteres ist eben jenes dominante Trittsiegel unseres Wildwechsels verzweigter Pfade, dem wir folgen müssen.

Die Literatur und die Physik sind schon allein aufgrund ihrer Verfahren zur absoluten Verbrüderung fähig. Gerade die sehr junge Idee der Dunklen Energie bespielt diesen Bereich. Wir werden abstrakt, wenn wir Uneigentlichkeiten von Uneigentlichem ableiten. Genau dies geschieht in nämlichem Fall: Die Vorstellung des Urknalls (eine Rückzüchtung aus dem Modell des Schwarzen Lochs) erzwingt eine Erklärung für die beschleunigte und zufriedenstellend nachweisbare Expansion unseres Universums. Es bleibt nichts weiter, als eine quasi geheimnisvolle Energie anzunehmen, die als Rückstoß des großen Knalls die Beschleunigung hervorruft: unentdeckt, spurlos, schweigsam, unsichtbar. Hier ist ein Phantom am Werk, abgeleitet und erzwungen von der kollektiven Akzeptanz einer Idee des Anfangs. In der Emulsion dieses metaphorischen Großwerks setzt sich als Niederschlag all jenes ab, was wir bereits erkannt haben: das Uneigentliche, das Metaphorische – es schlägt sich nieder die Idee eines Anfangs, die Blindheit und die Kraft der Phantastik. Dem Beobachter stellt sich an dieser Stelle die unlösbare Frage nach Zeichen und Bezeichnetem, nach Vorstellung und Tatsächlichkeit.

Und an eben jener Stelle tauchen wir ein in den Schwindel der Betrachtungen, in die Stimmen der Literatur. Dort finden wir den Unort unserer Zusammenkunft. Hier – genau hier – benötigen wir die Literatur, wo wir sie selten finden und wo sie doch so notwendig ist!

Deshalb: Seitenstechen #2!