#buchpassion – Ein Wochenende im Zeichen des Buches

Das Buch lebt! Unter dem Titel »#buchpassion: Mein Bekenntnis zum Buch« finden vom 9. bis 11. September zahlreiche Veranstaltungen zum Lesen statt – das ganze Wochenende ist dem Austausch von Lesern, Buchbloggern, Autoren, Buchhandlungen und Verlagen gewidmet. Wer teilnehmen möchte, ist herzlich dazu eingeladen, sich auf Twitter unter dem Hashtag #buchpassion mit der aktuellen Lektüre / eigenen Texten / Interesse am Buchmarkt anzuschließen.

Auch der homunculus verlag beteiligt sich gern an dieser Aktion. An den drei Veranstaltungstagen werden wir ein großzügiges Bücherpaket verlosen, das einen Auserwählten unter euch rechtzeitig zum Beginn der Herbstzeit mit frischer Lektüre versorgt.

Wir empfehlen: Folgt uns auf Twitter und Facebook, um den Start der Verlosung nicht zu verpassen. Es lohnt sich!

Mehr Informationen zur Aktion findet ihr auf dem Blog der Veranstalterin Kapri-ziös.

Logo Buchpassion kapri-zioes.de

Lektoreninterview:
Joseph Reinthaler &
Philip Krömer

Nazis, Island und germanische Riesen: Mit seinem Debütroman Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel präsentiert Autor Philip Krömer ein faszinierendes, »angenehm aus dem Mainstream fallendes Lesevergnügen« (Nürnberger Nachrichten). Wer dem Titel auf die Hotlist 2016 verhelfen möchte, hat noch bis zum 21. August Zeit zur Stimmenabgabe. Wir freuen uns über rege Beteiligung!

Im Gespräch mit Joseph Reinthaler (JR) verrät Philip Krömer (PK) Details zu der Konzeption des Romans und seiner Arbeitsweise:

JR Ich kenne von einigen deiner Texte einen Rahmen, der dem Leser eine Erzählerinstanz vorstellt. Bei dem Open-Mike-Siegertext 2015 erzählt ein Automat die Geschichte. Bei Ymir wird der Leser vom Erzähler regelrecht in Empfang genommen und dadurch zum Zuhörer. Was macht für dich diese Erzählerinstanzen so interessant bzw. notwendig?

Portrait Philip Krömer
Foto: Silviu Guiman (www.silviuguiman.com)

PK Für mich ist auch das schriftliche Erzählen ein mündliches. Wer meine Texte liest, neben dem sitze ich auf dem Sofa, um ihm die Betonung einzuflüstern (Wir fállen aus állen Wólken.). Damit er davor nicht erschrickt, kündige ich mich auf der Metaebene an.

JR In der nordischen Mythologie ist der Riese YMIR so etwas wie das Urwesen – aus seinem Körper formt sich die Welt. Warum formt sich die Welt aus einem Körper? Was macht uns zu Eingeweiden?

PK Die Welt formt sich nicht selbst aus seinem Körper, sie wird geformt. Auf ziemlich grausame Art und Weise, nämlich von drei mordlustigen Göttern: Sie erschlagen Ymir, der nichtsahnend an UrKuh Audhumblas Euter nuckelt, und kneten sein totes Fleisch zu Erde, füllen mit seinem Blut die Meere auf, schichten Knochen zu Bergen, pflanzen Haare als Bäume und stülpen über das Ganze die entkernte Hirnschale (siehe das Grimnirlied). Wir Menschen leben dort, weniger als Eingeweide – denn ein toter Riese braucht keine 7 Milliarden Nieren –, sondern als Aasfresser, die von seinem monströsen Leichnam zehren. Wir tragen nicht zur Erhaltung des status quo bei, sondern zum ewigen Kreislauf von Entstehen und Zerfall. Jeder ist sich selbst ein Riese.

JR Eine Naziexpedition in Island irgendwo zwischen Jules Verne und Indiana Jones. Warum taugt der Nazi zur fantastischen Adventure-Figur?

PK Der Nazi ist in der Fantastik als Antagonist so beliebt, weil er 1. hin und wieder tatsächlich okkultem Gedankengut anhing und 2. seine menschenverachtende Ideologie der traurige Beweis dafür ist, dass eine komplette Nation in einer widernatürlichen Kunstwelt leben kann, ohne den Bruch mit der Realität wahrzunehmen. Wir könnten auch alle Zauberer sein. Der Nazi als Protagonist dagegen ist die Ambivalenz in Person: Man weiß, sein Handeln ist grundsätzlich falsch – das war so, das wissen wir. Da braucht es nicht die tiefenpsychologische Erklärung, die verunglückte Kindheit. Dennoch wollen wir sein Handeln verstehen. Als Autor ist es eine Herausforderung, eine derart eindeutige und vorgezeichnete Figur nicht zur Schablone verkommen zu lassen, sie bis an ihr verdientes Ende oder ihre Läuterung zu führen. Wir wünschen uns nichts mehr, als dass alle endlich zur Vernunft kommen.

JR Dein Debütroman ist ein Abenteuerroman – wie schreibt man im 21. Jahrhundert Abenteuerliteratur? Haben die großen Vorreiter des Genres nicht schon alles erforscht?

PK Ist Ymir, indem er seine Abkunft nicht versteckt, postmodern? – Möglich. Oder schon postpostmodern? – Möglichmöglich. Die Abenteuerliteratur hatte ihre Hochzeit, solange die Weltkarte weiße Flecken aufwies. Homer, Rabelais, Verne, … füllten diese Leerstellen mit ihren Erzählungen. Heutzutage kann sich jeder jeden Winkel der Erde von zuhause per Satellitenbild anschauen, doch das Verlangen nach Abenteuern ungewissen Ausgangs, einer Möglichkeit, jenem heimischen Bildschirm zu entkommen, der einem die ganze Welt zeigt (und erklärt), ist nach wie vor ungebrochen. Man sagt: Zuhause sterben die Leute. Die Abenteuerliteratur verschafft gedanklichen Ausgang, sie zeigt alte, bereits gefüllte weiße Flecken, findet oder erfindet neue. Niemals wird alles erforscht sein, bis der Mensch seine eigenen Gedanken und Regungen vollends verstanden hat – was wiederum nie passieren wird. Die ersten literarischen Erzählungen waren Abenteuergeschichten, so wie auch die letzten es sein werden. Ymir schildert das Erste und das Letzte – ein Abenteuer.

JR Wagner spielt eine wichtige Rolle in deinem Roman. Ich rechne fest damit, dass er auch fester Bestandteil deiner Arbeit am Text war. Irgendwelche grausamen Erfahrungen / Erinnerungen?

PK Wie zu den meisten anderen Lebens- und Weltentwürfen in Ymir (Hohlwelttheorie, nordische Mythologie usw.) habe ich auch zur Musik Wagners eine zwiespältige Haltung. Faszination und Skepsis stehen sich unversöhnlich gegenüber. Dies als Auswahlkriterium (den Dvořák z.B. höre ich immer gerne, der war unbrauchbar). Beim notwendigen Rauf- und Runterhören von T & I gab es also Leidensmomente im positiven wie negativen Sinn: Gänsehaut über Minuten hinweg, verschnürte Kehle, feuchte Augen. Und plötzlich parlieren sie wieder szenenlang vor sich hin, man schaut auf die Uhr, ins Textbuch, puh, da kommt noch was.

JR Die Abbildungen aus einem medizinischen Lehrbuch des 19. Jahrhunderts spielen analog zur Erzählung mit der Grenze von Deutbarkeit und Undeutbarkeit. Macht das die Illustrationen austauschbar? Oder gibt es nur die eine mögliche Anordnung?

PK Es gibt nur die eine. Es sei denn, man nähme sich eine Schere, schnitte die Bilder aus und ordnete sie neu zu und neu an. Dann hätte man aber auch den umseitigen Text zerschnitten und verschoben. Und wir sind nicht Burroughs, nein, der sind wir nicht.

Wir bedanken uns herzlich beim Autor! Weitere Informationen zu Ymir findet ihr hier. Der Titel ist über unser Bestellformular und überall im Buchhandel erhältlich.

Ymir auf die Hotlist 2016

Die erste Etappe ist bewältigt! Unser Autor Philip Krömer hat es mit seinem Roman Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel unter die 30 diesjährigen Hotlist-Kandidaten geschafft. Nur zehn Neuerscheinungen der letzten zwölf Monate werden es auf die endgültige Hotlist schaffen – und drei davon bestimmen die Leserinnen und Leser, soll heißen: bestimmt ihr.

Die Hotlist ist der wichtigste Preis für unabhängiges Schreiben und Publizieren. Hier zeigen ambitionierte und engagierte Autoren und Verlage ihr ganzes Können. Jede Teilnahme an der Wahl kommt den Independents zugute, jede Stimme ist ein Gewinn!

Wer sich noch schwer bei der Entscheidung tut, seinen Favoriten aus den 30 Kandidaten zu wählen, dem seien die O-Töne der neuen Rezensionen zu Philip Krömers Ymir ans Herz gelegt:

»Kompositorisch und erzählerisch bewegt sich Ymir auf einem so hohen Niveau, wie wohl eben nur ganz wenige Romane, und hinterlistiger wurde der Nationalsozialismus wohl in der Gegenwartsliteratur nie kritisiert.« ― Kulturgeschwätz

»Der elaboriert-witzige Sprachduktus und die spitze Ironie, die den mit bildungsbürgerlichem Wissen grundierten Roman anreichert, machen ihn zu einem angenehm aus dem Mainstream fallenden Lesevergnügen.« Nürnberger Nachrichten

»Es ist ein bisschen so, als würde Felix Krull ein Jules-Verne-Abenteuer erleben dürfen, was an uns Leser nun voll flottem Witz und kurzweiliger Spannung weitergegeben wird.«Neue Wörtlichkeit

Wie wählt ihr? Hier geht es zum Wahllokal, in dem ihr eure Stimme ohne Anmeldung und Angabe persönlicher Daten mit nur zwei Klicks einem der Werke zuweisen könnt: Hotlist-Wahllokal. Wir sagen schon einmal: Danke!

Hotlist 2016

Warum es sich lohnt, Krimis zu lesen

Der Kri­mi­nal­ro­man ist die ein­zig wirk­lich mo­derne Form des Ro­mans.
Ger­trude Stein

Sher­lock Hol­mes und Fa­ther Brown: Zwei Er­mitt­ler, die un­ter­schied­li­cher nicht sein könn­ten. Ers­te­rer als Ver­fech­ter von wis­sen­schaft­li­cher Me­tho­dik und Akri­bie, Letz­te­rer im Ver­trauen auf sein Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und Gott. Beide sind sie Aus­wüchse zweier ge­ni­a­ler Geis­ter, Ar­thur Conan Doyle und Gil­bert Keith Ches­ter­ton, de­ren ge­gen­sätz­li­che Welt­an­schau­un­gen sich in ih­ren Fi­gu­ren ma­ni­fes­tie­ren. Auch zum Genre der Kri­mi­nal­li­te­ra­tur, an des­sen Kon­sti­tu­ie­rung sie maß­geb­li­chen An­teil hat­ten, ver­tra­ten sie ganz un­ter­schied­li­che An­sich­ten – die stell­ver­tre­tend für die bis heute herr­schen­den Mei­nun­gen ste­hen.

homunculus verlag doyle
Ar­thur Conan Doyle war arm und brauchte das Geld

Doyles Ver­hält­nis zu sei­nen Aus­flü­gen ins Kri­mi­nal­mi­lieu blieb ein Le­ben lang zwie­späl­tig. Er kannte zwar den Ner­ven­kit­zel ei­nes auf­rei­ben­den Fal­les und mischte sich so­gar re­a­li­ter in Pro­zesse ein. In ih­rer Ver­schrift­li­chung wa­ren ihm Kri­mi­nal­ge­schich­ten je­doch in ers­ter Li­nie ein Zeit­ver­treib. Weit­aus lie­ber wandte er sich dem Aben­teu­er­genre und – spä­ter – dem Spi­ri­tis­mus zu. Da­mit schloss er sich dem all­ge­mei­nen Te­nor der Zeit um 1900 an: Der Krimi hatte ei­nen schwe­ren Stand, wurde stets als reine Tri­vi­al­li­te­ra­tur ab­ge­tan. Sei­nen Kri­ti­kern war er zu sche­ma­tisch und ba­nal, um ernst ge­nom­men zu wer­den – Vor­würfe, mit de­nen er sich trotz der im Laufe der Zeit ge­wach­se­nen Riege von be­deu­ten­den Für­spre­chern wie Fried­rich Dür­ren­matt und Ber­tolt Brecht bis heute aus­ei­nan­der­set­zen muss.

homunculus verlag chesterton
Gil­bert K. Ches­ter­ton griff zur Fe­der, um den Krimi zu ver­tei­di­gen

Der kor­pu­lente Ches­ter­ton – des­sen Dis­kus­si­ons­freu­dig­keit in den au­gen­zwin­kern­den Aus­ei­nan­der­set­zun­gen mit dem dür­ren George Ber­nard Shaw Po­pu­la­ri­tät er­langte (»Ches­ter­ton: I see there has been a fa­mine in the land. Shaw: And I see the cause of it.«) – sprang da­ge­gen nicht nur in sei­ner Po­si­tion als Prä­si­dent des De­tec­tion Club mit sei­ner gan­zen Lei­bes­fülle für das be­liebte, aber viel­ge­schol­tene Genre in die Bre­sche. In sei­ner Streit­schrift Ver­tei­di­gung von De­tek­tiv­ge­schich­ten fin­det er zeit­los gül­tige Ar­gu­mente:

Will man auf den wah­ren psy­cho­lo­gi­schen Grund für die Ver­brei­tung von De­tek­tiv­ge­schich­ten kom­men, ist es not­wen­dig, sich von ei­ner Menge blo­ßer Phra­sen frei­zu­ma­chen. Es ist bei­spiels­weise nicht wahr, dass die Be­völ­ke­rung schlechte Li­te­ra­tur gu­ter vor­zieht und zu De­tek­tiv­ge­schich­ten greift, weil sie schlechte Li­te­ra­tur sind. Der bloße Man­gel künst­le­ri­scher Fein­heit macht ein Buch nicht po­pu­lär. Das Te­le­fon­buch ent­hält we­nig Lich­ter psy­cho­lo­gi­scher Ko­mö­die, und doch wird es nicht fie­ber­haft an Win­ter­aben­den laut vor­ge­le­sen. Wenn De­tek­tiv­ge­schich­ten über­schwäng­li­cher ge­le­sen wer­den als Te­le­fon­bü­cher, ge­schieht es si­cher, weil sie künst­le­ri­scher sind.

Ein an­geb­lich ge­rin­ger li­te­ra­ri­scher Wert ist dem­nach kein kon­sti­tu­ie­ren­des Merk­mal für Kri­mi­nal­li­te­ra­tur. Wie in je­dem an­de­ren Genre ist die ganze Qua­li­täts­band­breite ver­tre­ten. Wer würde ei­nem Matto re­giert vor­wer­fen, schlechte Li­te­ra­tur zu sein? Li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät scheint nur in zwei­ter In­stanz Aus­wir­kun­gen auf den Er­folg von Kri­mi­nal­li­te­ra­tur zu ha­ben. Was aber macht dann eine Kri­mi­nal­ge­schichte aus?

Der we­sent­li­che Haupt­wert der De­tek­tiv­ge­schichte liegt da­rin, dass sie die frü­heste und ein­zige Form po­pu­lä­rer Li­te­ra­tur ist, in der sich et­was Sinn für die Po­e­sie mo­der­nen Le­bens gel­tend macht.

Wich­tigs­ter Be­stand­teil des Kri­mis ist das Set­ting. Ein gu­ter Krimi fühlt sich echt an: Er lebt da­von, ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren auf­zu­de­cken, zu be­schrei­ben, zu kri­ti­sie­ren – je nä­her am Le­ben, desto über­zeu­gen­der, desto be­ein­dru­cken­der auch die Geis­tes­blitze der Er­mitt­ler. Das Lon­don ei­nes Sher­lock Hol­mes, so sti­li­siert es auch sein mag, hat auch nach über 100 Jah­ren nichts von sei­ner Glaub­haf­tigkeit ein­ge­büßt.

Auch noch ein an­de­res gu­tes Werk wird durch die De­tek­tiv­ge­schich­ten ge­tan. Wäh­rend es die stän­dige Nei­gung des al­ten Adams ist, ge­gen et­was so All­ge­mei­nes und Au­to­ma­ti­sches wie Zi­vi­li­sa­tion zu re­bel­lie­ren, Los­sage und Auf­ruhr zu pre­di­gen, bringt das ro­man­ti­sche Po­li­zei­we­sen in ge­wis­sem Sinne die Tat­sa­che zum Be­wusst­sein, dass die Zi­vi­li­sa­tion selbst die sen­sa­ti­o­nellste Los­sa­gung und der ro­man­tischste Auf­ruhr ist.

Mör­der und Diebe als Form des Wil­den und Ar­cha­i­schen, der Rechts­staat als akro­ba­ti­scher Akt: Kri­mi­nal­li­te­ra­tur macht deut­lich, auf welch schwan­ken­den, schüt­zens­wer­ten Säu­len un­sere ge­sell­schaft­li­chen Er­run­gen­schaf­ten ste­hen. Ob­wohl das im ers­ten Mo­ment den An­schein von So­zi­al­dis­zi­pli­nie­rung er­we­cken mag, übt der Krimi häu­fig ge­nug Kri­tik an den be­ste­hen­den Ver­hält­nis­sen und ver­folgt uto­pi­sche Ide­ale. Kein Wun­der also, dass er in to­ta­li­tä­ren Sys­te­men wie dem deut­schen Na­ti­o­nal­so­zi­a­lis­mus ver­pönt war.

Kri­mis sind aus zeit­ge­schicht­li­cher Per­spek­tive und hin­sicht­lich ih­rer Ak­tu­a­li­tät hoch­in­te­res­sant. Auch Ar­thur Conan Doyle würde ein­se­hen: Es ist en­ga­gier­ten Ver­tei­di­gern wie Ches­ter­ton zu ver­dan­ken, dass wir heute noch die Ge­schich­ten um Sher­lock Hol­mes und seine Vor­gän­ger und Nach­fol­ger le­sen.

 

Leipzig! Eilt!

homunculus – klein, aber mit vielen Ideen. spricht das Börsenblatt (Heft 42, 182. Jg.). Jawohl! sagen wir und wollen niemanden darum bringen, sich selbst davon zu überzeugen. Man wird uns ab morgen (17.03) deshalb zum ersten Mal mit fünf brandneuen Büchern auf der Leipziger Buchmesse besuchen können. Daher: Eilt! zu Stand G116 in Halle 5 (direkt an der Leseinsel junge Verlage). Viele bedeutende Fragen werden dort eine Antwort finden, wie z.B. Muss es immer Papier sein – kann man Literatur nicht auch auf Stoff drucken? und Wo sind die vielversprechenden Debütanten?

Besucht uns viel und gerne – am Stand, bei den Veranstaltungen auf der Leseinsel und der UV-Lesung der unabhängigen Verlage. Man höre hier und dort Philip Krömer, Tobias Roth und Julius David Walther.

Lektoreninterview:
Joseph Reinthaler mit Tobias Roth &
Julius David Walther

Im Frühsommer 2016 erscheint im homunculus verlag die Bayerische Biergartenordnung von Tobias Roth (Bayerischer Kunstförderpreis 2015) und Julius David Walther. Bis einschließlich 15. April 2016 kann für dieses auf 1516 Stück limitierte Spezial-Lesemedium im Tischdeckenformat für Biergarnituren subskribiert werden. Ein brillantes Stück Literatur und eine ebenso brillante Auseinandersetzung mit dem Kulturgut Biergarten!

Hierzu im Gespräch: Der Lektor Joseph Reinthaler (JR) mit den Autoren Tobias Roth (TR) und Julius David Walther (JDW):

 

JR Wer bekommt aufgrund seiner/ihrer herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der bayerischen Kulturpflege und/oder bajuwarischen Grantigkeit eine Bayerischen Biergartenordnung (kurz: BBgO) von euch geschenkt?

JDW Darüber hatten wir vor Fertigstellung des Textes bereits schon einmal gesprochen. Mein Vorschlag ist es, dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof aufgrund seines Einsatzes für den Erhalt der Ersten Biergartenverordnung ein Exemplar – im Rahmen einer feierlichen Zeremonie selbstverständlich – zu überreichen.

TR Ganz genau. Zunächst müssten die mittelbar verantwortlichen Wirte und Politiker, nebst Amtsnachfolger, eine bekommen, und ohne Zweifel auch Ulrike Draesner und Gerhard Polt. Und das Münchner Lyrikkabinett, die Stipendiatenwohnung in Pfaffenhofen, der Armin Steigenberger sowieso, die Restaurationswerkstätten der Antikensammlung brauchen mehrere, da fallen mir sofort recht viele Leute ein – zum Glück. Und natürlich der Ratzinger. Diese Chance ist historisch sogar noch bedeutender als das Jubiläum des Reinheitsgebots. Man stelle sich diese Widmung vor!

JR Kein Biergarten ohne – genau: ohne Bier. Wie wichtig war dieses kerngesunde Hopfengebräu für den Entstehungsprozess der BBgO?

TR Sehr wichtig. Aber nicht entscheidend. Aber sehr wichtig.

JR Wird die BBgO in Zukunft der neue rechtlich absolut verbindliche Leitfaden für die Konfektionierung der Biergartenkultur?

TR Man kann die BBgO wahrscheinlich nicht unmittelbar als neue VO verwenden, aber die Maxime ihres Willens kann jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten.

JDW Ich hoffe es doch schwer. Noch entscheidender ist es jedoch, dass die Biergartenkultur auch in Zukunft das richtige Maß wahrt – im doppelten Sinne.

JR Ein mit dem Bayerischen Kunstförderpreis 2015 ausgestatteter Schriftsteller, ein Jurist mit besonderem Interesse für Stadtkultur und Nachhaltigkeit und ein Biergarten. Wer in dieser Trias hat wen am nötigsten?

JDW Meiner Meinung nach ist es der Biergarten. Wir sind nur das Sprachrohr für die Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich zuteilwerden sollte. Der Bayerische Biergarten ist in Gefahr…

JR Aus dem bayerischen Biergarten kennen wir vor allem das Weißbier, das Helle, das Radler und den Maßkrug mit den Glasaugen. Irgendwann hat es euch nach Berlin und Bremen verschlagen. Wird man dort zum Pilstrinker? Wenn ja: Was ist das und weshalb sind die Gläser so klein?

TR Nein und weiß ich nicht.

JDW Dazu fällt mir zunächst folgender Witz ein, den ich einmal aufgeschnappt habe: »Warum steht ein Pilz im Wald?« »Weil die Tannenzapfen!«; oder so ähnlich. Bei einem guten Pilsken kommt es zudem auf eine schöne Schaumkrone an. Ein elegantes Bier, das den ehrlichen Genießer adelt.

JR Ein Tischdecke im Biergarniturenformat und ordentlich viel Text in drei Spalten – was haben wir hier eigentlich? Eine Tischdecke? Zuallererst ein Lesemedium würde ich behaupten. Nur welches?

JDW Es ist zuallererst ein Kulturgut, das uns in Gestalt eines Buches erscheint. Aus Sicht des Biergartenbesuchers kommt auch dessen praktische Subfunktion als Stofftischdecke (in mehrfacher Hinsicht praktisch, so kann es z. B. nicht als Brennstoff missbraucht werden) zur Geltung. Ein »Buch+« sozusagen, das sich selbst zu schützen vermag und damit seine eigene Nachhaltigkeit garantiert. Genial. Weil ich zudem schon mehrfach den Satz gehört habe »Man kann, wenn man am Biertisch sitzt, den Text von einer einzigen Seite aus ja gar nicht richtig lesen!«, ist darauf hinzuweisen, dass die BBgO zugleich zur kollektiven wie interaktiven Lektüre einlädt. Das betont einmal mehr den Hauptzweck der Informationsvermittlung durch Text. Zugleich ist es eine Anleitung für ein gemütliches und soziales Beisammensein.

TR In meinen Augen ist das ganz klar ein Buch. Die BBgO ist ohne Zweifel ein Buch. Eine Papyrusrolle ist auch ein Buch, eine Tontafel, ein Faltblatt, manche Bücher stehen auf Stadtmauern, manche Bücher sind hunderte Seiten lang und nicht mal ein Megabyte groß. Das ändert ja am Buchcharakter nix. Wer aber auf dem modernen, gebundenen Papierbuch beharrt, dem sei gesagt, die BBgO ist eine Loseblattsammlung. Ein Flugblatt.

JR Eine unseriös pauschale Frage: Wie/wann/wo/warum diese Idee zur Bayerischen Biergartenordnung?

JDW Die Idee ist vor einigen Jahren – wie sollte es auch anders sein – im Rahmen eines sommerlichen Biergartenbesuchs entstanden. Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt in einem Bier-Garten in Berlin und stellten uns die Frage, warum – abgesehen von dem regnerischen Wetter – dieser Bier-Garten mit einem Biergarten aus unserer Heimat München nicht wirklich vergleichbar ist. Die Antwort fanden wir schließlich in der Begründung zur Biergartenverordnung.

TR Aber diese Verordnung wurde blitzartig zur Ordnung. Insofern hat die BBgO ganz unmittelbar die BBgO ausgelöst und hervorgebracht.

JR Ich bin über alle Maßen überzeugt – doch noch einmal für die Welt: Warum ist die BbgO unbedingt notwendig?

JDW Wie gesagt, der Bayerische Biergarten ist in Gefahr. In München kann man das bei manchen großen Anlagen bereits beobachten. Das Bier ist teuer, das Essen durchschnittlich. Es wird der Eindruck erweckt, dass der Aspekt der Massenabfertigung im Vordergrund steht. Für den Besucher soll der Biergartenbesuch zum Event werden, ähnlich der Besuch einer Großraumdiskothek. Das hat mit dem ursprünglichen Biergartenkonzept, wie es auch in der Biergartenverordnung zum Ausdruck kommt, nicht mehr allzu viel zu tun. Ähnliches gilt übrigens auch für Großteile der Wiesn respektive der weltweit pilzartig aus dem Boden gesprossenen »Oktoberfeste«. Nur dass hier nicht die Tannen, sondern meist internationale Bierkonzerne zapfen. Der Biergarten jedoch ist meines Erachtens ein Paradebeispiel für nachhaltige Städte(bau)kultur. Das setzt jedoch voraus, dass die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Bestandteile des Biergartens in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Mittlerweile überwiegt jedoch der wirtschaftliche Aspekt.

TR Auch ich würde den politischen Aspekt der BBgO unbedingt hervorheben – wenn die BBgO auch einen Weg einschlägt, den Kunstwerke, die sich ihrem Selbstverständnis nach politisch äußern wollen, selten einschlagen, nämlich den juristischen. Aber sie erfüllt auch andere nicht nur wichtige, sondern notwendige Aufgaben – die Poetisierung des Alltags, die Einladung ins Freie, die Verfeinerung des Rausches, Irrsinn und Besinnung.

JR Etwas abstrakt, aber dennoch: Welche Sprache muss man finden, um über den Bayerischen Biergarten zu schreiben? Irgendeine Besonderheit?

TR Die Antwort wird nur recht abstrakt gehen. In der Art und Weise, wie wir über Bier und Biergarten und Bayerischen Biergarten sprechen wollten, mussten wir das Register, in dem ansonsten hauptsächlich über Bier und Biergarten und Bayerischen Biergarten gesprochen wird, vermeiden – oder, wenn schon, mit offenem Visier umspielen. Bier schleppt ein ganz anderes Stilregister mit sich als Wein oder Scotch undsoweiter. In der Sprache des Bieres und Biergartens, die von Fernsehbildern und Industrie gesprochen wird, ist überhaupt keine Dynamis, kein Enthusiasmus, da ist stattdessen ein gewisses Dimpfltum, wie liebenswürdig oder grotesk oder überdreht auch immer. Da spielt natürlich der Großraumdiskoaspekt, den Julius angesprochen hat, eine große Rolle. Es ist ein ähnliches Problem wie das, sich zu Separatismus in Alpenregionen zu positionieren. Aber apropos Alpen, die linke Spalte kreist um den Biergarten als Landschaft – insofern ist die Suche nach einer Landschaftsbeschreibung ebenso wichtig. Ich würde also sagen: wir haben versucht, eine Sprache des Lobes zu finden, die eine Sprache der Kritik und der Utopie ist.

JR Julius, erkläre mir doch mal den eklatantesten Mangel in der Umsetzung der originalen Bayerischen BiergartenVERordnung vom 1. Mai 1999 (eigenhändig unterschrieben von Barbara Stamm)!

JDW Zunächst einmal ist interessant, dass der Biergarten im Verordnungstitel genannt wird, in der Verordnung selbst, d.h. in den einzelnen Paragraphen, jedoch nicht näher definiert wird. Was ein Biergarten ist bzw. sein soll, muss man sich mühsam – wenngleich sehr schön zu lesen – aus der Begründung herausklamüsern. Der Hauptkritikpunkt ist jedoch, dass die Biergartenverordnung eigentlich gar keine Biergartenverordnung ist, d.h. den Biergarten nicht unter allen maßgeblichen Gesichtspunkten bespricht, sondern nur eine Verordnung über den Immissionsschutz in Bezug auf eine nicht genehmigungsbedürftige Anlage im Sinne des Bundesimmissionsschutzgesetzes namens „Biergarten“ ist. Dadurch soll der Bayerische Biergarten zwar geschützt werden. Zugleich wird er damit aber auch marginalisiert, denn jeder denkt, in der Biergartenverordnung stehe alles über den Biergarten drin, tatsächlich steht da aber nix über ihn drin bzw. nur versteckt in der Begründung. Da der Biergarten jedoch ein hervorragendes gastronomisches wie städtebauliches – und zugleich nachhaltiges, ha! – Konstrukt darstellt, hätte er schon eine umfassendere Regelung verdient gehabt.

JR Tobias, wie ist die optimale Verteilung von Sonnenplätzen und Kastanienbeschattung in einem Musterbiergarten?

TR [führt eine komplizierte Geste aus]

Einen recht herzlichen Dank!

uneigentlich: Physik

Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.
Albert Einstein

 

Man hat den Ruf bereits vernommen: zur zweiten Ausgabe der Seitenstechen haben der homunculus verlag und ELINAS, das Erlanger Zentrum für Literatur- und Naturwissenschaft, einen Textaufruf gestartet, der mit Dunkle Energie überschrieben ist. Wer sich im sinnbildlichen literarischen Wald aufhält, in und an welchem sich das Echo bricht, der ist aufmerksam geworden. Hier führen Wege unter weit verzweigtem Geäst zusammen, die kaum ausgetreten sind. Wer an dieser Stelle zum Reisegefährten wird, der folgt einem schmalen Wildwechsel. Wo Physik und Literatur aufeinandertreffen, wird es abseitig und selten – stets vereint durch die (gleichfalls unergründbare) Energie des Uneigentlichen.

Es ist wahr: der metaphorische Reichtum der Physik ist enorm. Konsens ist der nicht zu verwechselnde Unterschied zwischen algebraischer Zeichnung und bildhaftem Begreifen, wobei durchaus das eine ohne das andere auftritt, dabei aber – im Alleingang – stets seine Schwächen offenbart. Die rhetorische Metapher muss überall dort als Modell hervortreten, wo wir dem kaum Beschreiblichen und zu Komplexen begegnen. Die Physik beschreibt Modelle des Wahrgenommenen und ist dabei viel mehr auf Vokabular als auf die Algebra angewiesen, da Begreifen über den wortverwandten Begriff funktioniert, der dem Bezeichnen ein Bruder ist – schließlich: ein Zeichen zu finden in Laut und Bild für das Modellierte, das ansonsten unbegreifbar (das ist: nicht zu ertasten) und unplastisch zurückbleibt. Eigentlichkeit (das Konkrete) und Uneigentlichkeit (die Metapher) sind Begriffe der Rhetorik und Semantik, die leider noch nicht weit genug in das Allgemeinverständnis der mathematischen Kunst vorgedrungen sind. Dabei ist wohl keine andere Disziplin zu derart ungemein wundersamen Kuriositäten befähigt, die aus eben jenem Unterschied entspringen – dabei denke man an das oft genannte Beispiel eines Bogenschützen, dessen Pfeil nie das Ziel erreicht, setze man für dessen Flug nur eine geeignete Funktion an: Der Pfeil legt in einer gewissen Zeit (x1) die Hälfte der Strecke (y1) von der Bogensehne zur Zielscheibe zurück. Es bleibt ein Rest der Strecke, wovon er wiederum zu einem Zeitpunkt (x2) die Hälfte der Strecke zurückgelegt hat (y2). Wir erkennen der Ergebnis der Funktion: Der Pfeil erreicht niemals die Zielscheibe.

Maßgeblich für den Anspruch in der Physik ist dies eine (frei nach Nietzsche): Sie muss den Schein als Schein, das Uneigentliche als Uneigentliches begreifen, um wahr zu bleiben. Die Vernichtung der Konsistenz dieser Disziplin wäre, den Schein als Tatsächlichkeit und damit als verkappte Täuschung zu verorten. Ersteres ist eben jenes dominante Trittsiegel unseres Wildwechsels verzweigter Pfade, dem wir folgen müssen.

Die Literatur und die Physik sind schon allein aufgrund ihrer Verfahren zur absoluten Verbrüderung fähig. Gerade die sehr junge Idee der Dunklen Energie bespielt diesen Bereich. Wir werden abstrakt, wenn wir Uneigentlichkeiten von Uneigentlichem ableiten. Genau dies geschieht in nämlichem Fall: Die Vorstellung des Urknalls (eine Rückzüchtung aus dem Modell des Schwarzen Lochs) erzwingt eine Erklärung für die beschleunigte und zufriedenstellend nachweisbare Expansion unseres Universums. Es bleibt nichts weiter, als eine quasi geheimnisvolle Energie anzunehmen, die als Rückstoß des großen Knalls die Beschleunigung hervorruft: unentdeckt, spurlos, schweigsam, unsichtbar. Hier ist ein Phantom am Werk, abgeleitet und erzwungen von der kollektiven Akzeptanz einer Idee des Anfangs. In der Emulsion dieses metaphorischen Großwerks setzt sich als Niederschlag all jenes ab, was wir bereits erkannt haben: das Uneigentliche, das Metaphorische – es schlägt sich nieder die Idee eines Anfangs, die Blindheit und die Kraft der Phantastik. Dem Beobachter stellt sich an dieser Stelle die unlösbare Frage nach Zeichen und Bezeichnetem, nach Vorstellung und Tatsächlichkeit.

Und an eben jener Stelle tauchen wir ein in den Schwindel der Betrachtungen, in die Stimmen der Literatur. Dort finden wir den Unort unserer Zusammenkunft. Hier – genau hier – benötigen wir die Literatur, wo wir sie selten finden und wo sie doch so notwendig ist!

Deshalb: Seitenstechen #2!