Heinrich Spoerl und das geistige Getränk – Eine Blütenlese

Weihnachtszeit ist Feuerzangenbowlenzeit. Der Kessel knackt, der Rum brennt, der Zucker tropft und zischt. Bald haben alle einen im Tee (oder zwei oder drei oder vier), der Rühmann singt und bringt den Knaben garantiert nur Unfug bei. Was aber tun, wenn die Tassen plötzlich leer sind und der Abspann läuft? – Wir raten dazu, noch einen Topf aufsetzen und mehr Spoerl zu lesen. Die hochprozentigsten Szenen aus seinem Klassiker Wenn wir alle Engel wären, der zusammen mit Die Hochzeitsreise in unserem Spoerl-Wendebuch erschienen ist, haben wir schon einmal herausgesucht. Prost!

Heinrich Spoerl, Blüte #1:
Eine Forschungsreise

Dann ist er wieder woanders, in einer kleinen verrauchten Bude. Die Lampen sind mit rotem Seidenpapier umwickelt und versuchen lasterhaft auszusehen. Am Klavier hämmert ein Jüngling, dem eine müde Zigarette aus dem Mund hängt, und ein verschwommenes Mädchen im Babykleid singt etwas Rührseliges von Kinderland – Herz und Hand. Zwei oder drei Paare tanzen. Aus den Nischen kommt Lachen und Quietschen. Aber sie sind zugezogen, man kann kein bisschen was sehen. Kempenichs Wissensdrang kommt auch hier nicht auf die Kosten. Er langweilt sich.
»Na Kleiner?«Cover: Wenn wir alle Engel wären von Heinrich Spoerl
»Wieso Kleiner?«, schnauzt Kempenich und bestellt sich wütend eine Flasche Sekt. Er ist kein Kleiner!
Nur seine Zunge geht schon etwas schwer.
Schließlich ist er wieder auf der Straße. Es ist Nebel. Man sieht nur ungewisse Lichter. Menschen und Wagen gleiten wie Schatten vorüber. Der Kanzleivorsteher ist voll des süßen Weines und weiß nicht woher und wohin. Er hat eine Litfaßsäule erwischt und mit Handkoffer, Feldstecher, Reisedecke, Mantel, Schirm und Hutschachtel tastet er hoffnungslos um die Säule und kann das Ende nicht finden. Vorübergehende lachen. Aber niemand erbarmt sich seiner.
Endlich erlöst ihn eine mitleidvolle Seele.

Heinrich Spoerl, Blüte #2:
Ein Komplott wird besiegelt

Der überlegene Geist wurde ausführlich begossen, das morgige Ereignis im Vorschuss gefeiert. Die Flaschenparade wuchs bedrohlich. Bei der vierten Flasche tranken sie die übliche alkoholische Brüderschaft mit verhakten Armen und schwimmenden Augen. Bei der fünften lagen sie sich rührselig schweigend in den Armen. Und gegen Mitternacht stolperten sie gegeneinandergelehnt durch mondbeschienene Gassen nach Hause.
Nach Hause ist etwas voreilig gesagt. Ein Laternenpfahl wurde Dritter im Bunde, sie blieben daran hängen und kamen nicht mehr von ihm los. Der Maestro benutzte den Aufenthalt, um gleich mit seinen vorausbezahlten Gesangsstunden zu beginnen. Er singt vor: do-re-mi-fa-sol, süß und weich wie ein Kater. Und Kempenich grölt wie fünf Flaschen Mosel: O du fröhliche – o du selige –
Dann bringen sie sich gegenseitig nach Hause. Erst der eine den anderen, dann der andere wieder den einen, und so fort. Es geht nicht auf: Einer bleibt immer übrig.
Am nächsten Morgen war vorsichtshalber Sonntag.

Heinrich Spoerl, Blüte #3:
Die Zeugen sind geladen

Heinrich Spoerl
Foto: Urh. unbekannt | wissenmedia

An dem gleichen Morgen versammeln sich auf dem Bahnhof in Koblenz ein gutes Dutzend Hotelportiers in allen Preislagen. Sie begrüßen sich gegenseitig mit großem Hallo und zeigen sich ihre Ladungen. Das muss wohl eine ganz schwere Sache sein, mindestens Raubmord oder Sittlichkeit. Und erörtern das zu erwartende Zeugengeld.
Die Moseltalbahn, Märklin Größe 00, hält in Zell. Die Vereinigten Koblenzer Portiers haben beschlossen, ihr voraussichtliches Zeugengeld zu verflüssigen, kaufen sich in der Bahnhofswirtschaft pro Nase eine Flasche Zeller Schwarze Katz und setzen sie an den Kopf. Das Züglein wartet; es ist daran gewöhnt.
Das Moseltalbähnchen hält prustend in Zeltingen. Die Portiers leiden sehr unter der Hitze. Zeltinger Himmelreich ist feucht und kühl. Der Zugführer treibt zur Eile, der Zug hat bereits fünfzehn Minuten Verspätung.
Das Moselbähnchen verschnauft sich in Brauneberg. Die Portiers sind bereits in festliche Stimmung geraten und genehmigen sich eine Brauneberger Juffer. So treiben sie praktische Geografie. Nur der Stationsvorsteher ist untröstlich.
Die Verhandlung neigt sich ihrem Ende zu.
Die Koblenzer Portiers, denen die durchfahrene Weinkarte Kraft und Freude gegeben hat, sind inzwischen glücklich vor dem Sitzungssaal gelandet. In einem dichten Knäuel stehen sie vor der Tür. Nun wird es Zeit, sonst geht das Zeugengeld zum Teufel. Die vereinigten Portiers, lauter stämmige Burschen, drücken den wachhabenden Gerichtsdiener beiseite und strömen mit Gepolter in den Saal.
Ruhe dahinten!
In dem Schutz der allgemeinen Erregung haben sich die Portiers ihren Weg nach vorn gebahnt und in Kolonne formiert vor dem Richtertisch aufgebaut. »Tag zusammen.«
»Sie haben sich wohl verlaufen. Hier ist kein Bahnhof.«
Justizrat Genius aber strahlt und breitet weit die Arme aus. »Das sind ja meine Herren Zeugen.«
Der Richter sieht sie misstrauisch an und schnuppert in der Luft. »Die Herren haben wohl schon etwas getrunken «
Die Portiers grölen ein einstimmiges Nein, dass der Boden zittert.

Alle Auszüge aus: Heinrich Spoerl: Die Hochzeitsreise & Wenn wir alle Engel wären. Zwei Romane im Wendebuch. Erschienen März 2016.Spoerl Cover

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.