der Homunculus

wagner_illu

WAGNER
Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,
Es trübt, es klärt sich; also muss es werden!
Ich seh’ in zierlicher Gestalt
ein artig Männlein sich gebärden.

Ho­mun­cu­lus (lat. für Menschlein), das ist in der Kul­tur­ge­schichte: ein künst­lich ge­schaf­fe­nes We­sen. Ho­mun­cu­lus, das ist: der Ur­ty­pus der Re­tor­ten­kre­a­tur, wel­che mensch­li­che Züge trägt, spricht, fühlt und denkt, und in vie­len Fäl­len ihr Vor­bild über­flü­gelt. Künst­li­che Hu­ma­no­ide kennt die Li­te­ra­tur- und Kunst­ge­schichte zur Ge­nüge: Ovids Ga­la­tea, die Pyg­ma­lion den Kopf ver­dreht, E. T. A. Hoff­manns An­dro­i­den Olim­pia, Mary Shel­leys Fran­ken­steins Mons­ter, des Volks­munds Pra­ger Go­lem, Carlo Col­lo­dis Pi­noc­chio. Doch mit der­ar­ti­gen Au­to­ma­ten­schöp­fun­gen aus Zahn­rä­dern und Halb­lei­tern, den ver­spä­te­ten Lei­chen­re­ani­ma­ti­o­nen und rät­sel­haf­ten Be­le­bun­gen to­ter Werk­stoffe hat der Ho­mun­cu­lus nichts ge­mein. Der Ho­mun­cu­lus ist nicht ge­baut – er ist ge­wach­sen, ei­ner künst­lich zu­sam­men­ge­führ­ten Ur­mai­sche ent­spon­nen, und voll­zieht da­mit den Ent­ste­hungs­pro­zess des Men­schen nach, der aus dem ei­ge­nen Sa­men ge­bo­ren wird.

Das selbst­stän­dige Wachs­tum ent­hebt ihn streng ge­nom­men dem Ka­non der künst­lich er­schaf­fe­nen Men­schen und Men­schen­ähn­li­chen. Sein Sa­men je­doch ist leb­los, und dem Phä­no­men Ho­mun­cu­lus liegt die Er­schaf­fung ei­nes über­le­ge­nen Ge­schöp­fes aus to­ter Ma­te­rie zu­grunde, wel­che mit be­son­de­rer Kunst­fer­tig­keit ge­mischt, ver­rührt, auf­ge­kocht, ab­ge­la­gert, aus­ge­brü­tet wer­den muss. Tat­säch­lich glaubte man im Mit­tel­al­ter an die spon­tane Wand­lungs­fä­hig­keit leb­lo­sen Ma­te­ri­als in le­ben­dige We­sen, fiel doch auf, dass dort, wo Un­rat und Ab­fall auf­ei­nan­der­la­gen, wie aus dem Nichts das Un­ge­zie­fer er­schien, wäh­rend Un­rat und Ab­fall lang­sam schwan­den. Der Ka­sus war ein­deu­tig: Eine wun­der­same Ver­wand­lung von Kot, Dreck und ver­rot­ten­den Ab­fäl­len in Rat­ten, As­seln und Ge­würm. Und nach die­sem Funk­ti­ons­prin­zip der Schöp­fung sollte es auch kein Pro­blem dar­stel­len, mit be­son­ders rei­nen und ed­len Roh­stof­fen Kre­a­tu­ren al­ler­höchs­ter Ord­nung – schlicht­weg be­son­ders ex­klu­sive Hu­ma­no­ide – her­zustellen.

Der Ho­mun­cu­lus be­wegt sich so­mit in ei­ner Sphäre, in wel­cher er den Ur­drang des mensch­li­chen Schöp­fungs­be­stre­bens sym­bo­li­siert – nicht durch ge­schlecht­li­chen Ver­kehr, son­dern durch die Kunst­fer­tig­keit des ge­ni­a­li­schen Schöp­fers. Die­ser To­pos ist der Li­te­ra­tur nicht fremd: aus Zell­stoff­sei­ten und Dru­cker­schwärze ent­stei­gen em­pha­tisch Welt­ent­würfe. Et­li­che Mil­li­o­nen Mal hat sich der ver­zagte Wer­ther in sei­nem Ka­buff be­reits vor ebenso vie­len Le­sern eine Ku­gel durch den Kopf ge­schos­sen. Le­ben ent­wächst auf so wun­der­same Weise den ab­strak­ten Prin­zi­pien Wort und Schrift, dass wir nicht um­hin­kön­nen, die Pa­ra­dig­men des Ho­mun­cu­lus dort (in der Li­te­ra­tur näm­lich) als er­füllt zu be­trachten.

Würde man Psycho­lo­gen und Hirn­for­scher be­fra­gen, so wür­den sie au­ßer­dem ver­ra­ten, dass die Ho­mun­culi auch in un­se­ren Köp­fen sit­zen. Das Mo­dell hin­ter die­ser Me­ta­pher ist denk­bar ein­fach: Wir se­hen ei­nen Baum – das Licht, das der Baum re­flek­tiert, lan­det auf un­se­rer Netz­haut. Wir se­hen! Aber nichts da: nie­mand hat ei­nen Baum ge­se­hen! Das Bild wird durch Ner­ven­stränge zu elek­tri­schen Si­gna­len auf­ge­löst und an das Ge­hirn über­mit­telt. Dort erst sitzt der per­sön­li­che Ho­mun­cu­lus, be­sieht sich das über­tra­gene Bild wie vor ei­nem Fern­se­her (in zwei­ter In­stanz so­zu­sa­gen) und teilt dem Be­wusst­sein mit: Sieh an – ein Baum! Sol­che se­cond-le­vel-Fi­gu­ren, die dem ei­ge­nen Be­wusst­sein vor­spre­chen, ken­nen wir auch vom Le­se­pro­zess. Beim Ab­tas­ten der Text­zei­len wird das abs­trakte Si­gnal im Ge­hirn ver­wirk­licht und eine Kopf­stimme be­ginnt mit- und vor­zu­le­sen. Die Wis­sen­schaft be­zeich­net die­sen geis­ter­haf­ten In­ter­pre­ten als Ho­munculus.

Ein Letz­tes zu dem Re­tor­ten­kind: Wir ken­nen das We­sen aus ei­nem der be­deu­tends­ten Werke der deut­schen Li­te­ra­tur­ge­schichte: dem zwei­ten Teil von Goe­thes Faust. Es ist kein Zu­fall, dass der Dich­ter­fürst die­ses Sinn­bild ab­so­lu­ter Schöp­fungs­kraft in sei­nem Werk auf­tre­ten lässt.

Wir re­sü­mie­ren: Ho­mun­cu­lus, das ist: die höchste Stufe der Kre­a­ti­vi­tät. Ho­mun­cu­lus, das ist: die Schöp­fung von Le­ben­di­gem aus Un­be­leb­tem. Ho­mun­cu­lus, das ist: der Vor­le­ser. Ho­mun­cu­lus, das ist: die li­te­ra­ri­sche Figur.

Der Ver­lag gibt sich sei­nen Namen.

Wel­cher wäre passender?

schiele_illu

HOMUNCULUS
Nun Väterchen! wie steht’s? es war kein Scherz.
Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz!
Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe.
Das ist die Eigenschaft der Dinge:
Natürlichem genügt das Weltall kaum,
Was künstlich ist, verlangt geschlossnen Raum.