Lektoreninterview: Philip Krömer & Olaf Trunschke

200 Jahre trennen Frankensteins Monster vom Teilchenbeschleuniger des CERN: Mit seinem ersten Roman Die Kinetik der Lügen schuf Olaf Trunschke ein »literarisches Monstrum, sehr intelligent gebaut, ungewöhnlich stark und intellektuell übergriffig.« (Zeilensprünge)

Verleger und Lektor Philip Krömer (PK) befragte Olaf Trunschke (OT) zu den Hintergründen des Romans und seiner Figuren:

PK 1816 & 2016 – In welchem Jahr war es wichtiger, sich Gedanken über technische Errungenschaften und ihren Einfluss auf unser Leben zu machen?

Olaf Trunschke Porträt
Foto: privat

OT Jede Zeit hat ihre eigenen Helden und Monster. Jeder Zeit sind ihre Probleme die wichtigsten. – Das war vor zweihundert Jahren nicht anders als jetzt. Allerdings haben unsere Handlungen heute grundlegendere, meist globale Folgen.
Das Web hat in nicht einmal zwanzig Jahren sein Netz über den Globus geworfen und verändert alles: Neue Techniken beginnen ihren Siegeszug. – Wirtschaft und Handel sind in Umwälzung begriffen. Weltbilder zerbröseln. Alte Werte werden wertlos über Nacht. – Das ist heute genauso wie vor zweihundert Jahren. Das einzig Gewisse ist der Wandel …
Dazu kommen alle jene Folge-Folgen, die selbst die kühnsten Vordenker nicht erahnen können, weil sie quasi Folgen der zweiten Generation sind: Als der erste Dampfkessel Kolben und Pleuel in Bewegung setzte, dachte noch keiner an das Schienennetz, das die Eisenbahnen bald über viele Länder spannen würde. »Go West!« … Die Dampfrösser zwischen Atlantik und Pazifik erst erschufen die Vereinigten Staaten, wie wir sie kennen. – Solche Folgen jedoch werden immer erst im Rückspiegel der Geschichte sichtbar. Aber auch die Katastrophen haben eine neue Qualität: Ein berstender Atommeiler verursacht andere Wolken als ein explodierender Dampfkessel.
Das alles gilt natürlich umso mehr für aktuelle Technologien: Internet, Robotik, Künstliche Intelligenz … Der Begriff »Errungenschaften« führt dabei in die Irre: Er will uns glauben machen, sie seien das Ergebnis wohlüberlegter Entscheidungen …

PK Eine persönliche Frage: Die Kinetik enthält ein breites Arsenal an Figuren. Wem gelten die Sympathien des Autors (nicht die des Erzählers)?

OT Ganz klar: den Losern und Querköpfen. – Claire Clairmont war eine kluge, gefühlvolle Lady, die fünf Sprachen beherrschte, ausgezeichnet Klavier spielte, eine schöne Stimme hatte und eindrucksvolle Briefe schrieb. Aber für eine Frau, die weder von Adel war, noch über Geld verfügte, gab es nur einen Platz in dieser Gesellschaft: als Gouvernante in reichen Familien.
Dr. Polidori, der Leibarzt des Lords, wurde ein Opfer seiner Eitelkeit und des Literaturbetriebs. Er war ein kluger, gut aussehender junger Mann – hatte mit 19 den Doktortitel erworben. Aber in Byrons greller Aura blieb er unsichtbar. Sein Vampyre verkaufte sich mit dem Namen seines Chefs auf dem Einband zigfach besser als unter dem Label eines No-Name … Byron bedeutete: Bestseller. Wer war John Polidori? Sogar der Alte in Weimar hielt den Vampyre für ein Meisterwerk. – Für Byrons bestes Werk. Seine Spielsucht gab Polly-Dolly den Rest …
Und aus der Gegenwart: Georges, der vom Kernphysiker zum Winzer konvertiert … Er ist der eher rare Typ des Gelehrten, der nicht unser Weltbild mit einem Photo der Wirklichkeit verwechselt, sondern weiß, dass es bloß ein Scribble ist. – Eine Skizze, mit der wir versuchen, all jenen Daten, welche uns die simplen Sinne und unsere gewaltigen Geräte liefern, eine Gestalt und einen Sinn zu geben.

PK Dein Roman besteht aus zwei Erzählsträngen, die sich gegen Ende vermengen. Die Vermutung liegt nahe, dass der 2016er-Erzähler auch den 1816er-Strang zu verantworten hat – aber den Autor zur Interpretation seiner eigenen Werke drängen, gilt als unschick, und darum frage ich lieber: Wie wichtig waren dir beim Schreiben die historischen Fakten, die vom Gespenstersommer 1816 überliefert sind? Und welche hast du bewusst ignoriert?

OT Die Kinetik der Lügen ist natürlich, schon der Name legt es nahe, ein Tatsachen-Roman. Aus der Fülle der Fakten habe ich nur ausgesondert, was die Handlung auf ein totes Gleis geführt oder Verwirrung gestiftet hätte.
Ein Opfer dieses Vorgehens wurde zum Beispiel Elena Shelley, geboren am 27. Dezember 1818 in Neapel. Vermutlich von Shelley adoptiert, landete das Kind bald im Findelhaus. – Ein geschasster Diener allerdings hat behauptet, sie sei das Kind von Shelley und Claire. Byron und andere glaubten damals die Geschichte …
Nur dort, wo die Zimmer der Geschichte absolut leer waren, habe ich der eigenen Phantasie freien Raum gelassen …

PK Torsten Unger sagte im MDR über die Kinetik: »Das Buch ist manchmal geradezu ein Manifest.« Was manifestiert sich in ihm?

OT Könnte ich das in einem Satz sagen, hätte ich einen Aphorismus verfasst. – Und ganz nebenbei fünf Jahre Arbeitszeit, etliche Hektoliter an Rotwein etc. gespart …

PK Warum lesen heute alle Mary Shelley, wenige Lord Byron und ganz wenige Percy Shelley?

OT Wer weiß schon, dass die Mutter des berühmten Monsters eine blutjunge Frau war? Die allermeisten kennen den Namen »Frankenstein« aus dem Kino oder aus der Popkultur … – Mary Shelleys Roman hingegen ist ein Buch darüber, wie Hass und Gewalt entstehen. Eigentlich topaktuell … Alles, was sie später geschrieben hat, ist allerdings nur noch für Anglisten von Interesse.
Percy Shelley wäre längst vergessen, hätte Mary nicht seine Texte in die Buchform gebracht. – Lange gegen den Widerstand ihres knausrigen Schwiegervaters …
Dass Shelley heute unbestritten zu den ungelesenen Klassikern gehört, verdankt er, der schon mit knapp Dreißig starb, also ausschließlich seiner Frau.
Byron, seinerzeit ein Rockstar, wurde auch ein Opfer seines raschen Ruhmes. Er war zu erfolgreich und zu eigensinnig, um nicht bald den Neid seiner bigotten Gesellschaft zu ernten. Im gewissen Sinne eine wandelnde Provokation … – Man betrachte die gegenwärtigen Opfer der Political Correctness, um zu verstehen, wie es Lord Byron erging. Die Zeiten sind sich nicht nur in dieser Hinsicht sehr ähnlich …
Unsere Erwartungen an einen Roman allerdings haben sich in zweihundert Jahren gründlich gewandelt …
Die Lektüre ist heute geprägt durch Bilder und Szenen aus Kino, TV und Netz, die jeder von uns fix und fertig im Kopf hat: Eine Bibliothek, gefüllt mit Versatzstücken. Und der Twitter-Takt ist uns inzwischen vertrauter als Byrons Stanzen … – Der Roman des 19. und 20. Jahrhunderts, wie ihn zuletzt Max Frisch schrieb, ist inzwischen nur noch Literatur-Geschichte. Der moderne Roman gleicht eher einem Reiseführer durch den Kopf des Lesers …

PK 1816 & 2016 & 2216 – Werden sich die Autoren in 200 Jahren die gleichen Fragen stellen, wie Mary Shelley früher und du heute?

OT Nein. Die Handvoll, die nach anfänglicher Erwärmung und folgendem Klimakollaps die meterhohe Vereisung der nördlichen Halbkugel irgendwie überlebt haben, quälen ganz andere Fragen …

Wir bedanken uns herzlich beim Autor! Weitere Informationen zu Die Kinetik der Lügen findet ihr hier. Der Titel ist über unseren Shop und überall im Buchhandel erhältlich.

1 thought on “Lektoreninterview: Philip Krömer & Olaf Trunschke

  1. „Byron, seinerzeit ein Rockstar, wurde auch ein Opfer seines raschen Ruhmes.“

    „Ach! zum Erdenglück geboren,
    Hoher Ahnen, großer Kraft,
    Leider früh dir selbst verloren,
    Jugendblüte weggerafft!
    Scharfer Blick, die Welt zu schauen,
    Mitsinn jedem Herzensdrang,
    Liebesglut der besten Frauen
    Und ein eigenster Gesang.“

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